Bauernhaus


Bauernhaus
Bau|ern|haus 〈n. 12uWohnung u. Betriebsgebäude des Bauern

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Bau|ern|haus, das:
Haus von Bauern.

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Bauernhaus,
 
die Wohn- und Wirtschaftsstätte des Bauern. Form und traditionelle Bauweisen differieren u. a. je nach Bodenbeschaffenheit, Klima, erreichbaren Baustoffen, Wirtschaftsform, sozialer Situation, Erbrecht (Anerbenrecht oder Realteilung). Wohn- und Wirtschaftsräume können in getrennten Gebäuden untergebracht (Mehrbauhöfe) oder unter einem Dach vereint sein (Einheitshäuser).
 
 
In Nadelwaldgebieten bot sich Holz zum Blockbau an (nördliches Europa, Osteuropa bis Sibirien und nach Alaska übergreifend, in Teilen der europäischen und asiatischen Mittel- und Hochgebirge, in Nordamerika als »log cabin« während des Pionierstadiums). Die Dächer waren meist mit Schindeln gedeckt.
 
Wo einst Laubwälder mit Eichenbeständen vorherrschten, setzte sich das Bauernhaus aus Fachwerk durch (ab dem 7. Jahrhundert). Bei ihm bestehen die Ständer aus Eichenholz, die Gefache aus Lehmflechtwerk oder anderem Material, die Dachhaut bei genügendem Getreideanbau aus Stroh (Großbritannien, manche Bereiche Nordfrankreichs, Mitteleuropa, auch Ost- und Südosteuropa, manche Gebiete Ostasiens); in Deutschland ist Fachwerk besonders typisch für das fränkische Bauernhaus (u. a. in Hessen, Thüringen, Sachsen, in der Pfalz, im Egerland und Rheinland). Ist das Fachwerk auf einen Steinsockel gesetzt (Kellergeschoss oder dazu das untere Stockwerk in Stein), ergibt sich das gestelzte Bauernhaus.
 
Zwischen Blockbau und Fachwerk stehen Bohlenständerbau und Stabbau. Beim Bohlenständerbau bestehen die Gefache aus waagerechten Bohlen (südliches Schweden, in Relikten noch in Schleswig-Holstein, außerdem das Schwarzwaldhaus und das Bauernhaus in den alpennahen Teilen des Schweizer Mittellandes). Eine Sonderform dieser Art ist das Bauernhaus mit Umgebinde (Umgebindehaus, auch als ostdeutsches Bauernhaus bezeichnet; Oberlausitz, Vogtland, Erzgebirge, nordöstliches Franken, südöstliches Thüringen). Bei dieser Hausform ermöglichten die die waagerechten Bohlen einrahmenden Ständer wahrscheinlich zunächst die Errichtung eines zweiten Stockwerks, das in schmückendem Fachwerk ausgeführt wurde. Sorbische Vorlaubenhäuser wurden zumeist in Blockbau errichtet. Der Stabbau mit senkrechten Bohlen, deren beide Enden in einen Rahmen eingenutet sind, ist besonders in Norwegen anzutreffen, in seinem ursprünglichen Verbreitungsgebiet in Schweden wurde er vom Blockbau verdrängt.
 
In den durch die Kulturentwicklung waldarm gewordenen Gebieten wurde schon früh Gestein (meist Bruchstein) genutzt, durch Mörtel verbunden und teilweise mit Putz versehen, ebenso Ziegel. - Bei relativ geringen Niederschlägen dient Lehm als Baumaterial, mitunter als luftgetrocknete Ziegel (Adobe), wie im Innern der Iberischen Halbinsel, in orientalischen Oasenländern, im mittleren und nördlichen China und in entsprechenden Bereichen Amerikas.
 
Dächer:
 
In regenarmen Gebieten sind Kuppel- und Flachdach verbreitet. Bei höheren Niederschlägen taucht das flache Satteldach (Winkel zwischen den Dachflächen größer als 90º) oder das steile Satteldach (Winkel kleiner als 90º) auf. Bei den auf Viehzucht abgestellten Häusern der Alpenländer und der nordischen Gebiete wird das flachgeneigte Dach, beim Schwarzwaldhaus dagegen steile Dachneigung bevorzugt. In Nordwestdeutschland setzte die Entwicklung von der Firstpfettenkonstruktion zum Sparren- oder Kehlbalkendach wahrscheinlich im 5.-8. Jahrhundert ein (steile Dachneigungen). Damit war es möglich, die Gebäude unabhängig von inneren Firstsäulen in die Breite zu dehnen und den Dachboden für die Bergung der Ernte zu nutzen.
 
Mehrbauhöfe:
 
Fehlt für die Anordnung der einzelnen Gebäude eine besondere Regel, dann handelt es sich um Haufenhöfe (Alpenländer, Skandinavien, auch Normandie). Mitunter sind Gebäude um zwei Höfe angeordnet (Wohnhof mit Wohnhaus, Küche, Speicher; Viehhof mit Ställen u. a.), was als Zwiehof, Paarhof oder Ringhof bezeichnet wird. Von diesen Haufenhöfen heben sich die geregelten Hofanlagen ab, in der Schweiz Einzweckbauten genannt, die in der Form von Zweiseithöfen, Dreiseithöfen oder Vierseithöfen erscheinen, je nachdem, ob zwei, drei oder vier Seiten eines Hofes umbaut wurden, wobei die Dachfirste nicht zusammenhängen. Ist dagegen eine einheitliche, im rechten Winkel miteinander verbundene Dachfirstlinie vorhanden, so spricht man von Zweikantern, Dreikantern oder Vierkantern (Niederrheingebiet, entsprechende Bereiche der Niederlande und Belgiens, Niederbayern, voralpines Österreich). Für den mitteldeutschen Raum bis in das Oberrheinische Tiefland ist der Dreiseithof typisch; das Haupthaus der geregelten Hofanlage kann Wohnräume und Speicher (Wohn-Speicher-Haus) oder Wohnräume und Stallung (Wohn-Stall-Haus) unter einem Dach umfassen.
 
Einheitshäuser:
 
Das Einheitshaus, auch Einhaus genannt, ist ein Mehrzweckbau: Wohn-, Wirtschafts- und Vorratsräume befinden sich unter einem Dach. Dabei können Wohnräume, Stallung und Scheune nebeneinander gelagert sein (mitteleuropäisches quergeteiltes Einheitshaus) oder hintereinander (Streckhof). Auch die Übereinanderschaltung kommt vor (Stallungen im Untergeschoss, Wohnräume im Obergeschoss, Vorräte im Dachgeschoss). Häufig ist dies beim Bauernhaus in Weinbaugebieten und in mediterranen Bereichen der Fall.
 
Das Nebeneinanderliegen von Wohn- und Wirtschaftsräumen kann auch parallel zur Firstlinie durchgeführt sein (längsgeteiltes Einheitshaus), wie das in den Alpenländern oder beim niederdeutschen (dreischiffigen) Hallenhaus der Fall ist. Es tritt zunächst mit zwei Ständerreihen auf, die das Dach tragen; zwischen Ständern und Wand befinden sich die Kübbungen, die zum Aufstallen des Viehs dienen (Kübbungshaus). Der ursprüngliche offene Dachraum des niederdeutschen Hallenhauses wurde im Hochmittelalter durch Einfügen einer Zwischenwand für die Getreidelagerung erschlossen (Wohn-Stall-Scheune-Haus). Als Durchgangshaus hat es eine sich von Giebel zu Giebel erstreckende Halle oder Deele, in Mecklenburg und Holstein erscheint es als Durchfahrtshaus; beim Fleetdeelenhaus ist am Ende der Deele als Herd- und Wohnteil das Fleet (Flett) ausgebildet. Im oberen Wesergebiet erscheint, ausgehend von den Städten, das längs geteilte Einheitshaus als Vierständerhaus. Bei ihm sind die Wände der Kübbungen auf die Höhe der Ständer gehoben, sodass die Wände zum Teil die Dachlast aufnehmen. Als Sonderform hat sich im 16. Jahrhundert mit dem Aufblühen der Getreideausfuhr in den Marschen der niederländischen und deutschen Nordseeküste das Gulfhaus entwickelt, dessen Charakteristikum die erdbodenlastige Erntestapelung innerhalb des zentralen Ständervierecks (Gulf) ist, die frühere Mitteldiele ist in ein Seitenschiff verwiesen. Den mächtigsten Einzeltyp des Gulfhauses bildet der Haubarg (v. a. auf der Halbinsel Eiderstedt).
 
 
Zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert entstanden die drei Grundtypen des deutschen Bauernhauses: in Norddeutschland (einschließlich Westfalen, Lippe, Niederrhein) das niederdeutsche Hallenhaus, in Ost- und Mitteldeutschland das so genannte (mitteldeutsch) Flurküchen- beziehungsweise Ernhaus als Wohn-Stall-Haus (seltener als Wohn-Speicher-Haus) sowie vermutlich - als Leittyp des oberdeutschen Bauernhauses das so genannte Tennerhaus (Lage am Hang, von dem aus die Tenne und Scheune im Obergeschoss direkt zugänglich ist) in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz, für welches das quer geteilte Wandhaus charakteristisch ist (Schwarzwald, Bayern, Hessen, Franken); im Kontaktbereich entstanden Mischformen, z. B. das märkische Mittelflurhaus (Dielenhaus). Vom 15. Jahrhundert an wurden die Bauernhäuser, hauptsächlich durch städtischen Einfluss, repräsentativ (z. B. im Schwarzwald) ausgestaltet und durch Einbau heizbarer Stuben wohnlicher gemacht; der Wohnteil im niederdeutschen Hallenhaus, ursprünglich nur das Fleet, wurde durch einen ofenbeheizten Raum (Dönse) erweitert.
 
Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie v. a. auch in den folgenden Artikeln:
 
Blockbau · Dach · Dorf · Fachwerk · Freilichtmuseum
 
 
K. Bedal: Histor. Hausforschung: Eine Einf. in Arbeitsweise, Begriffe u. Lit. (1978);
 T. Gebhard: Alte Bauernhäuser von den Halligen bis zu den Alpen (21979);
 V. Gläntzer: Ländl. Wohnen vor der Industrialisierung (1980);
 
Schweizer B., bearb. v. D. Meili (Zürich 1984);
 K. Baumgarten: Das dt. B. Eine Einf. in seine Gesch. vom 9. bis zum 19. Jh. (Berlin-Ost 21985);
 H.-P. Boer u. H. Zielske: Norddt. Bauernhäuser (1985);
 J. Schepers: Haus u. Hof westfäl. Bauern (61985).

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Bau|ern|haus, das: Haus von Bauern.

Universal-Lexikon. 2012.

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